Einar Schleef (1944–2001) ist in Sangerhausen geboren und beerdigt. Dazwischen liegt der Lebensweg eines Künstlers und Außenseiters, eines ewig Suchenden, der in der Kunst seine Heimat sah, aber um die Heimatlosigkeit der heutigen Kunst wusste und an ihr litt. Schleefs rastloses Schaffen ist gekennzeichnet durch die ständige Auseinandersetzung mit diesem Thema. Ob als Theatermacher, Maler, Autor oder Fotograf tätig, Sangerhausen und der Verlust von Heimat finden sich als Leitmotive in seinem facettenreichen Werk.

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Einar Schleef ist vollkommen allein, schon am 21.7., im Krankenhaus gestorben. Es waren keine Angehörigen aufzutreiben, also hat sich die Verwaltung des Krankenhauses offenbar an seinen Anwalt gewandt. Auf meinen letzten Brief mit ungelenken Genesungswünschen hat er nicht mehr geantwortet. An seinem Todestag, von dem ich nicht wußte, daß er es sein würde, habe ich einen kleinen Text über ihn geschrieben, für eine Fotografin, eine gemeinsame Bekannte, die ihn oft fotografiert hat. Mein letztes Stück hat er beinahe fertig inszeniert, bevor er seinen ersten Herzanfall hatte. Ich hoffe, man findet irgendwo eine Kassette, auf der er sich selbst in der Rolle meines Vaters (“Der Wanderer”) beim Üben kontrolliert hat. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich sie als Andenken haben könnte. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Bitte lesen Sie seine Bücher! Das muß sein! Schleef war als Dichter und als Theatermann die herausragendste Erscheinung, die ich kennengelernt habe. Es hat nur zwei Genies in Deutschland nach dem Krieg gegeben, im Westen Faßbinder, im Osten Schleef. Sie waren beide unersättlich, aber nur, um umso mehr geben zu können. Am Schluß haben sie sich selbst gegeben. Sie sind über sich gestolpert und haben ihr Herz ausgespuckt. So stelle ich Spießerin es mir vor. Beide sind nicht alt geworden. Es ist ein entsetzlicher Verlust für mich. Ich habe heute, bevor ich die Nachricht von Schleefs Tod bekommen habe, mit meinem neuen Stück, das ich für ihn schreiben wollte, begonnen. Er wollte es unbedingt am Burgtheater inszenieren. Schleef hat mich stets heftig wegen meines Aufführungsverbots in Österreich kritisiert, er meinte, nur hier hätte ich mein Publikum, und er wollte ihm gemeinsam mit mir etwas sagen und zeigen, etwas, was auch ihm wichtig war. Eine große Ehre für mich, aber was soll man denn sagen in einem Staat, in dem bekannte Politiker ungestraft obszönste Gemeinheiten über Juden sagen dürfen. Trotzdem. Er hätte mich überzeugt. Für ihn hätte ich alles getan. Schleef hat andere, im Grunde damals schon tödliche Belehrungen in der DDR erfahren, als er noch dort gelebt hat. Ein Kind, das sich Puppen bastelt, ihnen selbst entworfene Kleider anzieht und sie für die Nachbarskinder sprechen läßt. Einer, der nichts anderes kann als er kann. Einar wie keiner, hat einmal irgendeiner über ihn gesagt (ich glaube: Schödel). Alles schläft, Einar wacht (ich glaube: Morak. Nein, nicht Morak). Ich hoffe es. Er ist aus der DDR weggegangen, aber nicht hinausgekommen. Da hat ihm schon das Herz brechen müssen, damit er aus sich herauskommen konnte.

© 2001 Elfriede Jelinek. Erschien am 05. August 2001 in Format, am 07. August 2001 in der Frankfurter Rundschau.