Schleef-Orte: Bahnhof Sangerhausen

Am 07.10.1963 wurde das Bahnhofsgebäude eingeweiht. Der Vorgängerbau wurde am 07.04.1945 durch Bomben zerstört.  In der Eingangshalle befindet sich an der Wand gegenüber dem Haupteingang ein Mosaik von Wilhelm Schmied. Schmied leitete den Malzirkel (Zirkel für bildnerisches Volksschaffen) des Thomas-Münzer-Schachts, den Einar besuchte.

Bahnhof Sangerhausen nach der Renovierung 2016 (Foto: privat)

Die Deutsche Bahn hat das Bahnhofsgebäude an die Städtische Wohnungsbaugesellschaft (SWG) Sangerhausen verkauft. Nach einem grundlegenden Umbau sind dort seit September 2016 die Stadtbibliothek, die Touristinformation, ein Buch- und Zeitschriftenladen sowie das Bürgerbüro untergebracht. Eine Besichtigung z.B. des Wandmosaiks  von Einar Schleefs Zeichenlehrer Wilhelm Schmied ist wieder möglich.

Mosaik von Wilhelm Schmied (Detail) in der Bahnhofshalle (1963). “… über allem das Mosaik, die lachende Arbeiterklasse, samt Bauernpack und Rosengedöns.”    (Einar Schleef, “Elternhaus” in “Mooskammer”, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2003, S.41)


Der Sangerhäuser Bahnhof im Werk Einar Schleefs:

Gertrud hört in ihrem Haus oft die Lautsprecherdurchsagen vom Bahnhof

 Hupt was. Hör nichts. Sicher der Bahnhof. Nickel sein Leinefelde Leinefelde. Stört tagtäglich. Schon ermahnt, könnes nicht lassen, jeder höre ihn gern. Doch zum Männerchor Brandrain wandern.
(Schleef, Einar, Gertrud 2, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1984, S. 328 )

Als du aus dem Haus ohne Gruß, hat das weh getan, mich schnell angezogen, zum Bahnhof, bin den Personenzug viermal auf und ab. Die Dame von der Aufsicht kannte mich, fragte, Sie suchen wohl jemand. Ja meinen Sohn. Der saß im Eilzug, vor paar Minuten raus. Da kann ich am Personenzug hin und her rasen. Der Fall ist erledigt.
(Schleef, Einar, Gertrud, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1980, S. 42)

Leinefelde. Die Stimme mahnt, mich aufmachen, die andere Richtung suchen. … Bahnhof schweigt. Verspätung. Dieser Zug wird nicht eingestellt. Für mich die Durchsage angeordnet. Ob er fährt. Mich ans Gleis aufmachen. Im Regen, im Matsch längs des Bahndamms laufen. Schotter. … Der Bahnhof, keine Stimme zu hören. 10 Minuten zu spät. Aus der Freiheit ausgeschnitten, der Fahrplan irgendwo. Nur finden, such doch. … Leinefelde Leinefelde. Die Stimme hat ausgesetzt.
(Schleef, Einar, Gertrud 2, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1984 , S. 38)

Ist der Durchgehende schon da Leinefelde. In diesem Jahr Gertrud hat ihn der Fahrplan nicht vorgesehen. Viele Züge gelöscht. Der ist angemeldet. Bin den MTS Berg hoch vorbei am kleinen Herrn Großpietsch, Poliklinik riefs: Leinefelde. Wos Schild bleibt. Wülste fort. Muß Umweg fahren Magdeburg Erfurt. Keine Einfahrt, was passiert, Schneewehen steckengeblieben. Wer da umsteigen möchte. Er kommt nicht. Ja warum rufen Sie ihn jedesmal aus. Das ist Gewohnheit. Lache mich tot. Jede Nacht das Gebrüll. Beschwert sich keiner. Seit vorigem Jahr ist der Fahrplan neu. Die Freiheit tats vermelden. …Welche Züge fahren nicht. Halbe Ration. Vorigen Winter dasselbe. … Von der Bahnsteigkante zurücktreten.
(Schleef, Einar, Gertrud 2, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1984, S. 40)

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